Den Anfang macht ein Brasilianer – Konkrete Kunst in Kroatien

Wenn man sich mit der Konkreten Kunst in Deutschland seit 1945 auseinandersetzt, landet man über kurz oder lang bei dem gebürtigen Brasilianer Almir Mavignier, der viele Jahre in Deutschland seinen Lebensmittelpunkt hat und 2018 in Hamburg verstirbt. Er ist einer der prominentesten Schüler der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo Almir Mavignier vor allem sehr eng mit Josef Albers zusammenarbeitet und stark von dessen Theorien und Werken beeinflusst wird.

Almir Mavignier ist allerdings auch einer der Väter der Konkreten Kunst in Kroatien. 1960/1961 organisiert und kuratiert er die Ausstellung „Nove tendencije“ (Neue Tendenzen) in Zagreb, die den Ausgangspunkt für eine wegweisende Kunstbewegung mit gleichem Namen wird. 

Almir Mavignier macht 1960, auf einer Reise nach Ägypten, halt in Zagreb und auf Empfehlung eines Freundes aus Ulm, kontaktierte er den kroatischen Künstler Frano Simunovic, der ihn wiederum mit Ivan Picelj, einem jungen Konstruktivisten, und Matko Meštrović, einem Kunstkritiker, bekannt macht. Er wird eingeladen, an einer Debatte über die Biennale von Venedig teilzunehmen, wo er seine Gedanken zum damaligen Stand der Kunst teilt und sein Interesse an Piero Dorazio offenbart, dem einzigen Maler in Venedig, der seiner Meinung nach etwas gänzlich Neues zeigt. Aus dieser Diskussion entsteht die Idee einer Ausstellung in Zagreb, in der Neuerungen von Künstler gezeigt werden sollen. und neue Tendenzen in der Kunst aufgespürt werden sollen. Božo Bek, ein Galerist in Zagreb, lädt Almir Mavignier ein, die Ausstellung zu organisieren und zu kuratieren, die dann im folgenden Jahr 1961 in der Galerie gezeigt wird.

Almit Mavignier, ohne Tteil, 1962
(c) Almir Mavignier, Fair Use
Quelle: WikiArt

Almir Mavignier wählt neunundzwanzig Künstler aus, von denen die meisten Italiener, Deutsche, Schweizer, Franzosen und Kroaten sind. „Einige der Künstler bekennen sich als kinetische bezeichnet, andere befürworteten konkrete oder konstruktivistische Kunst, einige stehen eher Dada nahe, und viele waren Protagonisten der ZERO-Bewegung.“

Die Ausstellung trägt den Titel ‚Nove Tendencije‘ in Anlehnung an die Mailänder Ausstellung deutscher Kunst von 1959 (Nuove Tendenze Tedesche), obwohl auch ‚Avantgarde 1961‘, ‚Avantgarde und Konkrete Kunst‘ als geeignete Titel diskutiert werden. Ivan Picelj gestaltet schlussendlich das Plakat sowie den Ausstellungskatalog mit Essays von Matko Meštrović und dem Kunsthistoriker Radoslav Putar.

Dass die Ausstellung in Zagreb stattfindet, also im damaligen Jugoslawien, einem kommunistischen Land, in dem die künstlerischen Prinzipien des ’sozialistischen Realismus‘ hochangesehen und gefördert werden, mag paradox erscheinen, wäre da nicht die damals herrschende Freiheit des künstlerischen Ausdrucks im sogenannten „blockfreien“ Land. Jugoslawien war auch die Heimat der Künstlergruppen EXAT 51, der der oben erwähnte Ivan Picelj angehört, und Gorgona, einer Gruppe, zu der Matko Meštrović und Radoslav Putar gehören. Die erste Ausstellung mag vielleicht noch eher ein Produkt des Zufalls gewesen sein, doch bereits 1963 findet in Zagreb eine zweite, ebenfalls vielbeachtete Nove Tendencije-Ausstellung statt, die wiederum aktuelle Tendenzen in der Kunst aufspürt und zu kontroversen Diskussionen führt. Bis 1973 finden insgesamt fünf Ausstellungen statt, die die Basis einer neuen Kunstbewegung im ehemaligen Jugoslawien bilden: „Nove tendencije“

Mehr zu Almir Mavignier und seinen Aktivitäten rund um die erste Ausstellung neuer Tendenzen in Zagreb auf der Webseite des Künstlers: Almir Mavignier

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