Vom Weißenhof nach Venezuela: Luisa Richter

Neben Gertrude Goldschmidt – genannt Gego – ist Luisa Richter die zweite bedeutende venezolanische Künstlerin, die ursprünglich aus Deutschland stammt. Wie Gego studiert die gebürtige Besigheimerin in Stuttgart. Allerdings nicht Architektur wie Gego, sondern Malerei bei Willi Baumeister an der Kunstakademie am Weißenhof.

1955 folgt sie ihrem Mann, einem Brückenbauingenieur, nach Venezuela. Er arbeitet dort als Ingenieur im Straßenbau und ist an gigantischen Sprengungen und Durchbrüchen für den Tiefbau beteiligt.

Bereits vier Jahre nach der Übersiedelung nach Venezuela, stellt Luisa Richter 1959 im Staatlichen Kunstmuseum in Caracas erstmals allein aus. Ihre Kunst wird einem breiten Publikum in Europa nach der Teilnahme an der Biennale di Venezia 1978 bekannt, dass immer einen Bogen spannt zwischen den Kulturen Südamerikas und Europas.

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Luisa Richter, Zwischen dem Machen und dem Sein, (c) FairUse

„Der koloristische Reichtum des vom Tiefbau entblößten Gesteins blieb nicht ohne Einfluss auf die Malerin. Sie löste sich vom Einfluss Baumeisters. Ein Übriges taten das tropische Klima, das blendende Licht, der Standort der im Bauhausstil errichteten „Quinta El Marco“, der Villa in Los Guayabitos, einem außerhalb und deutlich höher gelegenen Stadtteil von Caracas, von wo aus ein Panorama über „sieben Horizonte“ das Auge blendet. Bis heute zeichnet sich Luisa Richters Palette durch fahle, ausgebleicht anmutende Farbtöne aus, die zwischen Beige, Grau, Weiß und Grau und dunklen Akzenten ungemein vielfältigen Reichtum aufweisen.

Horizonterweiternd wirkte auf Richter auch ihre Gewohnheit, zwischen Südamerika und Europa zu pendeln und die Millionenstadt immer wieder mit Besigheim zu tauschen und die geräumige Villa mit dem Elternhaus am Hang überm Neckar. Nicht vergessen werden dürfen Philosophievorlesungen bei Max Bense und die Freundschaft mit Kurt Leonhard, dem Apologeten der absoluten Kunst…

Nicht zuletzt spielen auch die politischen Verhältnisse in der neuen Heimat und die zeitweise Rückkehr in die alte Welt eine Rolle. Die von Kurt Leonhard als „Flächenräume“ gekennzeichnete Malerei läuft tatsächlich auf eine Art Versöhnung von Widersprüchen hinaus. Sie wahrt die Fläche, spielt aber auch mit der Illusion von Raum, suggeriert Ausblicke durch imaginäre Fenster. Wie hundertfach zerbrochene Scherben, die äußere und innere Wahrnehmungen bruchstückhaft zitieren, gleichen die dem Kaleidoskop eines Bewusstseins, das ohne Gegensätze gar nicht auskommt.

Die Collage entwickelte sich folgerichtig zur Domäne der Künstlerin. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ ist so sehr Programm, wie das Zusammenfügen einander fremder Bestandteile eine Art Lebenskonzept darstellt.“

Quelle: Rainer Vogt, „Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart – Wesentlich ist das Dazwischen“, Stuttgarter Nachrichten, 04. April 2014, unter: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/Inhalt aufgerufen am 01.07.2018

Einen Überblick über die Lebensstationen und die Werkphasen findet sich auf der Webseite des Goethe-Institutes in Venezuela: Luisa Richter

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