Gego und Paul Bonatz – Architektur und Malerei

Nochmal zu Gertrude Goldschmidt, der Jüdin aus Deutschland, die 1939 von den Nazis nach Venezuela fliehen muss und dort zu einer der bekanntesten Künstlerinnen des Landes wird. Sie studiert bei Paul Bonatz, dem einflussreichen Architekten und Hochschullehrer, in Stuttgart. Er drängt sie später zur Flucht vor den Nazis und hilft ihr mit einem eilig ausgestellten Diplom. Gego – so ihr Künstlername – erhält ein Visum für Venezuela, nachdem die Einreise nach England verweigert wird und kommt so nach Caracas.

„Als sie sich nach erster Ehe, zwei Kindern und der 1952 angenommenen venezolanischen Staatsbürgerschaft mit ihrem neuen Lebenspartner, dem Grafiker Gerd Leufert, 1953 der Kunst zuwandte, war Gego 41 Jahre alt. „Er lehrte mich zu sehen und zu entdecken, etwas, das man im Ingenieurswesen und der Architektur nicht lernt“, bekannte Gego von Gerd Leufert. Doch auch das pädagogische Konzept von Paul Bonatz charakterisierte Offenheit, eine Eigenschaft, die das künstlerische Schaffen von Gego in ganz besonderem Maße auszeichnet. „Der Unterricht wird so lange lebendig bleiben“, so der Stuttgarter Architekt, „als es dem Lehrer gelingt, immer wieder neue Aufgaben zu finden, die ihn selbst interessieren und deren Lösung er noch nicht weiß.“

Als Architektin habe sie sich verpflichtet gefühlt, „Linien mit einer klaren Bedeutung zu zeichnen, Linien, die (. . .) Grenzen von Formen oder Räumen festlegen, die aber kein Eigenleben hatten.“ Erst Jahre später, so schrieb Gego auf ihren „Sabiduras“ (posthum aufgefundenen Notizen), „entdeckte ich den Charme der Linie an und für sich – sowohl der Linie im Raum als auch der Linie, die auf eine Oberfläche gezeichnet wird. (. . .) Ich entdeckte, dass manchmal das, was zwischen den Linien ist, genauso wichtig ist wie die Linie selbst.“

Tatsächlich offenbaren Gegos Werke „… wahre Wunder im Hinblick auf das Repertoire, das Linien zu Gebote steht. Quer und im Verband marschierend, besetzen sie Flächen, bilden, wenn unterbrochen, Blöcke oder lassen, wenn aufgehalten, gähnend leere Partien stehen. Wie auf Kommando die Richtung ändernd, markieren Linien Stufen, Brüche, kippen weg oder kommen als Wellen in Bewegung. Woanders beginnt sich glatte Ordnung aufzulösen, wird gestört, unterwandert, überlagert, reißt ab, verliert oder verknäult sich.

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Gego, Reticulárea, 1973, registered under Fair Use

In den 1980er Jahren scheint Gego die Freiheiten, die Linien gewähren, mit noch größerer Lust auszukosten. Es folgen organisch wirkende „Troncos“ und vor allem „Bichitos“, als „Viecher“ bezeichnetes, skurriles Ungeziefer. Aus allerhand Haken, Gittern und Ösen geschaffen, glänzen diese Schöpfungen mit geistreichen Einfällen. Auch aus Papierstreifen geflochtene Weberei („Tejeduras“) und Zeichnungen ohne Papier („Dibujos sin Papel“) lassen es daran nicht fehlen. Die Collageelemente der Papiergewebe leiten zu … Luisa Richter über. Beide Künstlerinnen waren nämlich am Instituto de Diseno, Fundación Neumann, in Caracas als Professorinnen tätig, sind mithin Kolleginnen gewesen.““

Quelle: Rainer Vogt, „Ausstellung im Kunstmuseum Stuttgart – Wesentlich ist das Dazwischen“, Stuttgarter Nachrichten, 04. April 2014, unter: https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt, aufgerufen am 01.07.2018

Übermorgen mehr zu Luisa Richter, deren Collagen und deren Weg von Stuttgart nach Venezuela.

Eine Reihe englischsprachiger Informationen zu Gertrude Goldschmidt findet sich auf der Webseite der Fundacion Gego

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