Konstruktivismus – Kunst und Design!

Der Konstruktivismus wie auch die Konkrete Kunst haben das Design von allen möglichen Gegenständen – von Werbeanzeigen und Möbeln bis hin zu Architektur – nachhaltig beeinflusst. Vor allem ausgelöst durch den Konstruktivismus sind Kunst und Design zu Beginn des letzten Jahrhunderts in einen breiten Austausch eingetreten, der sowohl das Design als auch die Kunst mindestens bis Ende der sechziger Jahre wechselseitig befruchtet hat.

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El Lissitzky, Lenin Tribune, 1920. State Tretyakov Gallery, Moscow, Public Domain

„Das ist unser Jahrhundert: die Technologie, die Maschine, der Sozialismus. Verweigere dich nicht, übernimm deine Aufgabe! (. . .) Kunst kristallisiert die Emotionen eines Jahrhunderts, Kunst ist Spiegel und Stimme. Die Kunst unserer Zeit muss elementar, präzise und allumfassend sein. Es ist die Kunst des Konstruktivismus. (…) Das neue Massenzeitalter braucht den Konstruktivismus, weil es Fundamente braucht, die nicht auf Täuschungen beruhen. (…) Konstruktivismus ist reiner Inhalt. Er ist unabhängig von Bilderrahmen und Sockel. Er erstreckt sich auf Industrie und Architektur, auf Gegenstände und Beziehungen. Konstruktivismus ist der Sozialismus des Sehens.“

Der Text von Moholy-Nagy, ein intensiver Appell an die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers, steht stellvertretend für die Protagonisten des Konstruktivismus, der einzigen Kunstrichtung der Moderne, der es gelang, die unterschiedlichen Aspekte des Industriezeitalters zu einem sinnvollen Ganzen zu verbinden. Der Konstruktivismus wurde zum Überbegriff und Inbegriff der neuen, besseren Welt, der alle künstlerischen und gestalterischen Disziplinen in sich vereinte. Die Konstruktivisten postulierten die Einheit von Kunst und Design und verbanden diese zwingend mit einer gesellschaftspolitischen Utopie. Die Kunst verließ damit eine auratische Sphäre und wurde fest im Leben und im Alltag verankert. Durch diese Enthierarchisierung der Kunst hat der Konstruktivismus vielen Entwicklungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts den Boden bereitet, aber auch gleichzeitig die angewandte Gestaltung aufgewertet. Die Verkoppelung der beiden Disziplinen beförderte die Gestalter von Alltagsobjekten – der Architektur wurde spätestens seit der Renaissance eine höhere Bedeutung beigemessen – aus dem Stand der Handwerker in den Bereich der Kreativität. Auch Fragen der Gestaltung waren nun Ausgangspunkt für ästhetische Diskurse, und die Produktion von Gebrauchsgegenständen wurde zur akademischen Disziplin, die an die künstlerische Ausbildung angedockt wurde. Das Unterrichtskonzept des Bauhauses, das nach 1945 neben der HfG Ulm auch noch für viele weitere Hochschulen maßgeblich wurde, sah eine Ausbildung von Produktgestaltern unter der Federführung von Künstlern vor.

Ausgelöst durch den Konstruktivismus waren Kunst und Gestaltung in einen Dialog eingetreten, der zu einem prägenden Aspekt in der Entwicklung der Kunst, aber auch des Designs im 20. Jahrhundert wurde.“

Quelle: Tobias Hoffmann: „Kunst als Design als Kunst“, in: Die Idee Konkret, hrsg. von Tobias Hoffmann, Museum für konkrete Kunst Ingolstadt, Wienand Verlag, Köln, S. 133f.

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